Osore-zan – Radtour durch Japan Teil 7

Endlich haben wir die größte Insel Japans betreten: Honshū 本州. Sie gilt quasi als die „Hauptinsel“ und die meisten Touristen, die Japan einen Besuch abstatten, werden zunächst hierherkommen. Honshū wartet mit riesigen Metropolen wie Tokio 東京 oder Osaka 大坂 auf. Außerdem findet man hier die traditionsreichen Städte Kyoto 京都 und Nikko 日光 oder kann den Opfern der Atombombe in Hiroshima 広島 gedenken.

Weniger im Fokus steht aber der nördlichste Teil der Insel, auch Tōhoku 東北地方 genannt. Der Norden ist dünn besiedelt und gezeichnet von mächtigen Vulkanen und Gebirgen, verwunschenen Wäldern, riesigen Feldern und heißen Quellen.

Tōhoku ist übrigens auch die Region, in der am 11. März 2011 das größte Erdbeben Japans und der darauf folgende Tsunami große Teile der Küstenregion zerstörte.

Unsere Reise durch Honshū beginnt in der nördlichsten Präfektur: Aomori 青森.

 

Von A nach B

Die Sehenswürdigkeiten, die uns in Aomori interessierten, lagen nicht gerade auf unserer Radroute, oder stattdessen sogar mitten in den Bergen, nur schwer per Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Deswegen entschlossen wir uns dazu, die Umgebung von unserer Unterkunft in Hirakawa 平川 aus mit einem Auto zu erkunden.

Hierzu hatten wir ein Auto von Toyota gemietet. Hilfreich war übrigens, dass man hier einen Mietwagen in einer Stadt mieten und in einer anderen wieder abgeben kann, sofern es dort ebenfalls eine Toyota-Filiale gibt!

 

Der heilige Berg

Zuerst verschlug es uns weit in den Nordosten zur Shimokita-Halbinsel 下北半島. Hierhin zu fahren nimmt mehr Zeit in Anspruch als man zuerst vermuten mag, da der Weg fast ausschließlich durch das Gebirge führt.

Unser Ziel war der Osore-zan 恐山, ein 847 m hoher Vulkan, der als einer der drei heiligsten Orte Japans gilt und einer Bergkette von acht Bergen angehört, die sich auf der Halbinsel erstrecken.

Das Herz des Osore-zans ist der Bodaiji-Tempel 菩提寺, der vor über 1000 Jahren durch den buddhistischen Mönch Ennin gegründet wurde. Dieser soll während seiner Studienreise in China im Traum den Auftrag erhalten haben, 30 Tage von Kyoto aus in den Norden zu pilgern um dort Jizō zu ehren, dem Begleiter der Toten. Auf seiner Reise fand er schließlich Osore-zan, und der Legende nach soll er hier eine Statue von Jizō geschnitzt haben, die im Bodaiji-Tempel noch heute verehrt wird.

Die größte Statue von Jizō auf Ozore-zan.

Der Eintritt kostet für Erwachsene 500 Yen. Der Tempel ist nur von Mai bis Oktober geöffnet.

 

Das Tor in die Unterwelt

Osore bedeutet übrigens „Furcht“ und der Berg soll der Zugang in die buddhistische Unterwelt sein.

Überall findet man geheimnisvolle, ja sogar irgendwie unheimlich wirkende Figuren wieder. Sogar Spielzeuge sind hier zu finden. Zudem ist der kalkfarbende Boden übersät mit kleinen und großen Steinhaufen.

In Japan glaubt man, dass die Verstorbenen einen Fluss (den Sanzu-no-kawa 三途の川) überqueren müssen, um ins Totenreich zu gelangen. Die Seelen toter Kinder schaffen dies jedoch nicht ohne Steine aufzuhäufen, welche ihnen den Weg über den Fluss erleichtern sollen. Viele Besucher kommen hierher, weil sie selber Angehörige verloren haben, und so helfen sie oft den Seelen, indem sie selber die Steine aufhäufen.

Auf dem Weg durch das mondähnliche Gelände sieht man immer wieder kleine, dampfende Wasserquellen sowie auch den eben beschriebenen Fluss, der hier für den Sanzu-no-kawa gehalten wird. Dieser mündet schließlich in einem riesigen Kratersee, dem tiefblauen Usoriyama-ko 宇曽利山湖, der irgendwie so friedlich und ruhig inmitten dieser kargen Landschaft wirkt.

Der Usoriyama-ko.

Der starke Schwefelgeruch des Sees begleitet einen bei seiner Erkundungstour und all die kleinen Eigenheiten dieses Ortes lassen einen gar nicht weiter daran zweifeln, warum dieser unheimlich wirkende Ort das Tor in eine andere Welt darstellt.

 

Fazit

Worte und Bilder werden diesem Ort nicht gerecht. Es ist die einzigartige Atmosphäre, die Osore-zan so besonders macht.

Ein unangenehmes und unheimliches Gefühl macht sich in einem breit, während man durch die schweflige Vulkanlandschaft streift. Und inmitten dieser thront der Kratersee, der so eine Ruhe und Ausgeglichenheit ausstrahlt, dass sie einerseits passend, und gleichzeitig im Widerspruch zum Rest zu stehen scheint.

Osore-zan ist sehr weit von all den anderen Sehenswürdigkeiten des Landes entfernt, aber wer sowieso im Norden Japans ist, sollte diesem heiligen Ort unbedingt einen Besuch abstatten.