Wieso, weshalb, warum?

 

 

2014 war ich das erste Mal in meinem Leben so richtig weit weg. Auf einem anderen Kontinent. In Japan.

Das war mein erster langer Urlaub zusammen mit Marcel auf der anderen Seite unserer Erde. Und es war weltverändernd für mich!

Klingt übertrieben? Vielleicht ja. Aber die Gefühle, die ich mit Japan und unserer Reise damals verbinde, sind auch übertrieben. Übertrieben genial, übertrieben schön, übertrieben großartig!

Ich habe mich einfach übertrieben in dieses Land verliebt!

Seitdem war ich noch zwei Mal dort und obwohl es viel Geld kostet, der Flug extrem lange geht und ich doch eigentlich noch so viele andere Länder bereisen möchte: jede Reise nach Japan war es für mich wert.

Ich will wieder hin. Ich will länger hin.

 

 

Aber…

Aber so einfach ist das Leben nicht.

Was ist mit meiner Wohnung? Ich wohne doch noch gar nicht lange hier. Die Möbel waren so teuer und die Maklerkaution erst. Ich liebe meine Wohnung! Wenn ich jetzt ins Ausland gehe, finde ich danach doch nie mehr so eine schöne Wohnung wie diese hier!

Wie soll ich das alles finanzieren? Dafür brauche ich ewig! Und Tokio ist so teuer. Dafür habe ich nicht das Geld. Das kann ich mir einfach nicht leisten.

Was ist mit meinem Job? Soll ich den etwa kündigen? Kann ich mir einfach eine Auszeit nehmen? Und was ist dann mit meiner Karriere? Ich kann meine Zukunft nicht einfach so auf’s Spiel setzen.

Was ist mit meiner Beziehung? Kann Marcel mitkommen? Gehe ich ohne ihn nach Japan? Würde unsere Beziehung das aushalten? Halte ich das aus?

Traue ich mir das überhaupt zu? Habe ich den Mut so weit weg von meiner Familie, meinen Freunden und meinem ganzen Umfeld zu sein? Ich bin doch so wahnsinnig schüchtern und trau mich kaum ein Wort in Englisch auszusprechen. Wie soll ich jemals in Japan klarkommen?

Es passt gerade einfach nicht. Ich kann jetzt nicht nach Japan und alles hinschmeißen. Es gibt viel zu viele Probleme. Viel zu viele „Abers“. Ich mach‘ das später, wenn es besser passt.

 

Wann ist dieses „später“?

Kurz gesagt: nie.

Später ist nicht in einem Jahr, oder in fünf Jahren. Später ist auch nicht, wenn du in Rente gehst. Dein „später“ sollte immer „jetzt“ sein! Denn sonst verlierst du vielleicht für immer die Chance deinen Traum zu leben.

Ich wollte schon immer nach Japan. 2013 habe ich dann das erste Mal darüber nachgedacht, dass es schön wäre für einen längeren Zeitraum hinzugehen. Ich wollte schon immer mal eine Zeit lang im Ausland leben.

Aber meinen Traum habe ich immer weiter nach hinten verschoben. Ich habe eine schöne Wohnung, habe nicht das nötige Kleindgeld, steige die Karriereleiter auf, lebe in einer glücklichen Beziehung und habe einfach nicht den Mut mein sicheres Leben und die Menschen, die mir wichtig sind hinter mir zu lassen und mich neuen Abenteuern zu stellen. Meinen Träumen zu stellen. Denn das ist verdammt schwer.

 

Der Prozess

Sich seinen Ängsten stellen zu können ist ein Prozess. Meine „Abers“ konnte ich nicht einfach nach einem Tag abschütteln. Tatsächlich habe ich mich erst drei Jahre später dazu entschieden für ein Jahr nach Japan zu gehen. Drei Jahre um aus meiner anfänglichen Idee einen Entschluss zu formen. Und es war sehr viel Arbeit dahin zu kommen.

Dazu musste ich mir meiner „Abers“ bewusst werden und sie besiegen!

2015 bin ich mit Marcel in unsere absolute Traumwohnung gezogen. Die Lage und Ausstattung ist perfekt. Leider auch sehr teuer. War mir aber egal, weil ich mich hier so wohlfühle. Diese Wohnung aufzugeben kam mir anfangs wie ein unmögliches Unterfangen vor. Ich habe oft überlegt, ob ich nur für drei Monate nach Japan gehe, die Wohnung behalte und danach einfach weiter hier wohnen bleibe.

Letztendlich kam ich aber zu der Erkenntnis, dass es absolut bescheuert ist, seine Träume so zu limitieren wegen einer Wohnung. Ich kündige meine Wohnung. Und wenn ich wieder in Deutschland bin, finden wir eine neue Wohnung, in der wir uns mindestens genauso wohlfühen.

Sind die Erfahrungen, die ich in Japan sammeln kann nicht viel wertvoller als ein gemieteter Wohnraum? Die Hauptsache ist doch, dass ich ein Dach über dem Kopf habe und mit Marcel zusammen sein kann.

Hachja, das liebe Geld. Vermutlich ist das ein Thema, das jeden beschäftigt, der für längere Zeit ins Ausland gehen möchte. Letztendlich kommt es aber darauf an, wie man seine Prioritäten im Leben setzt!

Ich habe schon 2013, als mir das erste Mal die Idee kam ins Ausland zu gehen, angefangen etwas Geld zur Seite zu legen. War allerdings nicht besonders viel, da ich damals noch kein greifbares Ziel vor Augen hatte.

Erst 2016 kam der endgültige Entschluss, dass ich ab Juli 2017 für ein Jahr nach Japan gehe. Ich hatte dann noch ca. ein Jahr Zeit mir einen Finanzierungsplan aufzustellen und weiterhin zu sparen.

Da Japan (und besonders Tokio) kein günstiges Reiseland ist, musste ich schauen, wie ich möglichst viel Geld zur Seite legen kann.

Ich habe aufgehört Essen zu gehen oder zu bestellen, ich gehe viel weniger ins Kino, ich fahre nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln, kaufe mir kaum neue Kleidung, Bücher, Videospiele. Ich habe mein ganzes Konsumverhalten überdacht, immer mit dem Gedanken daran, dass ich dieses Geld nachher in Japan besser gebrauchen kann. Und so habe ich einiges angespart.

Außerdem habe ich mir zu Weihnachten und zu meinem Geburtstag auch noch Ausrüstung für meine Reise schenken lassen. Darum muss ich mir also auch keine Gedanken mehr machen!

Um ein ganzes Jahr davon in Saus und Braus zu leben, reicht es trotzdem nicht. Aber es gibt die Möglichkeit mit einem Working Holiday-Visum nach Japan zu gehen. Das heißt, ich kann dort auch arbeiten, um mir meine Reise zu ermöglichen!

Das ist das Thema, das mich am längsten verfolgt hat. Ich kann nicht so lange nach Japan, weil ich meine Karriere damit gefährde.

Aber ist dem wirklich so?

Ich habe das große Glück, dass ich meinen Job hier in Deutschland behalte. Ich kann mir eine Auszeit nehmen. Mein Arbeitgeber bietet seinen Mitarbeitern ein Arbeitszeitkonto an. Auf diesem Konto kann man Zeit ansparen, indem man zum Beispiel auf einen Teil seines Gehalts verzichtet oder es mit Resturlaubstagen befüllt.

Ich spare seit 2013 auf diese Weise und kann mir ab Juli 2017 von meiner angesparten Zeit ein Jahr Auszeit nehmen und bekomme währenddessen mein angespartes Gehalt ganz normal weiter ausbezahlt.

Mein Arbeitgeber gibt mir damit die Möglichkeit meinen Traum zu verwirklichen, ohne kündigen zu müssen.

Allerdings ist da noch die Sache mit der Karriere:

Lange Zeit hatte ich Angst dieses Angebot meines Arbeitsgebers auch wirklich wahr zu nehmen. Ich hatte Angst, dass mich das im Job ausbremst und mich in meiner Karriereplanung zurückwirft. Aber letztendlich habe ich mir die Frage gestellt: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Das ist so abgedroschen, aber auch so wahr! Klar, ich könnte jetzt auch weiter die Karriereleiter emporklettern und im Job weiterkommen. Und wann erfülle ich mir dann meinen Traum nach Japan zu gehen? Wenn es mit dem Job und meiner Karriere passt? Das wäre dann wohl, wenn ich in Rente gehe.

Ich war nun schon drei Mal dort um Urlaub zu machen. Und das reicht mir einfach nicht! Ich kann nicht bis zur Rente warten, um mir diesen Traum zu erfüllen. Wer weiß, ob es mir dann überhaupt noch möglich ist? Diese Garantie kann mir niemand geben!

Ist es dann nicht viel sinnvoller sich jetzt diesen Traum zu erfüllen? Warum sollte ich danach nicht weiter Vollgas im Job geben können? Warum sollte es zu einem Karriereknick kommen, wenn ich mir einen Traum erfülle, so hart dafür gespart habe und dabei so viel lernen kann?

Für ein Jahr werde ich mir eine Auszeit nehmen. Aber wenn ich meinen Job immer wieder als „Aber“ sehe, werde ich niemals dieses Abenteuer in Angriff nehmen. Deswegen muss ich das einfach jetzt tun und mich nicht immer hinter einem „später“ verstecken.

Für mich war klar, dass ich ohne Marcel maximal für 3 Monate nach Japan gehe. Er hätte mir nie im Weg gestanden, aber ich hätte ein ganzes Jahr ohne ihn dort auch nicht genießen können.

Das Gute: Marcel wollte aber unbedingt mit nach Japan!

Sein Arbeitgeber bietet leider nicht so ein komfortables Arbeitszeitmodell an. Deswegen war lange nicht klar, ob er sich einfach so unbezahlten Urlaub nehmen darf oder sogar kündigen muss.

Letztendlich ist alles gut gegangen: Marcel bekommt unbezahlten Urlaub, darf danach bei seinem Arbeitgeber weiterarbeiten und kommt mit mir für ein Jahr nach Japan.

Hätte man mich vor 5 Jahren gefragt, ob ich jemals mal für längere Zeit ins Ausland gehe, hätte ich wehmütig „Nein“ gesagt. Und dann hätte ich immer mal wieder darüber nachgedacht.

Warum mache ich das nicht? Ich traue mich nicht. Ich bin zu schüchtern. Ich kann die Sprache nicht. Ich würde meine Familie und meine Freunde zu sehr vermissen. Ich habe doch ein sicheres, gutes Leben hier. Das hinter mir zu lassen, wäre doch dumm.

Und dann hätte ich all diese Gedanken verworfen und mich meinem Alltag erneut hingegeben.

Ich hatte Angst, dass ich meine Träume nicht leben kann und versage. Das begleitet mich schon mein ganzes Leben. Immer diese Angst zu scheitern und etwas zu verlieren. Deswegen gehe ich immer den sicheren Weg.

Aber was habe ich denn zu verlieren? Wovor habe ich genau Angst? Im schlimmsten Fall komme ich früher nach Deutschland und lebe genau dasselbe Leben weiter, das ich vorher geführt habe.

Aber das Scheitern tut weh. Die Angst, dass ich meine Träume verbocke.

Aber was soll ich denn in Japan verbocken? Vielleicht bin ich etwas schüchtern und brauche einige Zeit um dort Anschluss zu finden. Vielleicht werde ich anfangs Probleme haben, mich dort zu verständigen. Na und? Warum sehe ich das nicht als Chance an diesen Ängsten zu wachsen?

Jahrelang hatte ich einfach nur Angst meine Träume zu verwirklichen. Und meine Ängste sind sehr diffus. Nicht greifbar. Verborgen und verworren in all den „Abers“. Ich habe einfach nur Angst etwas zu wagen. Mich in so ein großes Abenteuer zu stürzen. Einfach über meinen Schatten zu springen! Aber ich fühle mich nun bereit. Ich möchte nicht länger warten und nur davon träumen.

Ja, ich muss meinen Traum leben!